Marines Afghanistan: Roh, brutal, verstörend – “Combat Obscura” ist der ehrlichste Kriegsfilm der Welt

Einen Kriegsfilm wie “Combat Obscura” dreht man nicht in Hollywood und so etwas sieht man auch nicht in ARD und ZDF. “Combat Obscura” zeigt den Krieg roh und nicht hochpoliert. Gedreht wurde er von Lance Corporal Jacob Miles Lagoze. Von Beruf Kameramann bei den Marines. Aber für das Material, aus dem “Combat Obscura” zusammengeschnitten wurde, hat ihn das Korps nicht in den Einsatz nach Afghanistan geschickt.

Der Filme zeigt Szenen wie diese: “Okay Kumpel, wie geht es dir denn heute?”, sagt ein Marine, der er über dem Körper eines toten Afghanen steht. “Du siehst aus, als wärst du gerade gefickt worden.” Die Hand des Mannes ist zerfetzt, dort ging die Kugel des schweren Scharfschützengewehrs durch, bevor sie in seinen Oberkörper eindrang.

Erst als die US-Soldaten die Leiche untersuchen, erkennen sie den Ladenbesitzer aus der Gegend. Unbewaffnet. Sie dachten, der Mann wäre ein Aufklärer für die Taliban. “Ja, der lebte noch eine Weile, hier ging es rein und schlug dann dort ein, wo vorher seine Leber gewesen ist”, sagt ein Soldat. Das war Pech.

Einsatz in Helmand

Lagoze war bei den Einsätzen in der Provinz Helmand  immer vorne mit dabei. Daher konnte er solche Szenen drehen, die Journalisten nie zu sehen bekamen. Diese Szenen des echten Krieges bewahrte er auf.

Das Material ist das Gegenteil der offiziellen Kriegswerbevideos, die Lagoze im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit des Marine Korps gedreht hat. Nun will das Pentagon weitere Aufführungen des Films verhindern. Der Zensur-Trick: Lagoze habe ja auf der Soldliste gestanden, also gehörten alle Bilder, die er mit der Ausrüstung des Korps aufgenommen habe, dem Staat. Das sind Szenen in denen die US-Soldaten Hasch aus einer alten Pringles- Dose rauchen. So etwas will das Pentagon nicht sehen. Andere stopfen ihre Zigaretten mit Haschisch voll, wenn sie auf Streife sind.

Gefahr und Gelächter - in "Combat Obscura" liegt das nahe bei einander.

Gefahr und Gelächter – in “Combat Obscura” liegt das nahe bei einander.

Über seine Arbeit sprach der Ex-Marine mit dem Veteranen-Portal “Task & Purpose“. “Als ich zurückkam, wusste ich nicht, was ich damit machen sollte. Ich hatte das Material auf meinem Computer,” sagte er dem Portal. Dann machte er einen einstündigen Dokumentarfilm aus diesem “seltsamen Tagebuch, mit einer Menge abgefuckter Scheiße”. Von Einordnungen, Erklärungen oder Analysen hält Lagoze nichts. Ihm geht es nicht darum, “diese Typen da draußen als Helden oder Opfer” darzustellen. Er weiß auch nicht, ob dieser Krieg irgendwann etwas Gutes bewirken wird. In Afghanistan sei nichts einfach schwarz oder weiß. “Es war lustig, es war schrecklich. Die enorme Absurdität der ganzen Erfahrung übertrifft jede Story.”

Auf wilde Schießereien folgen Momenten extremer Ehrlichkeit, Szenen von Traurigkeit, Humor, Verwirrung und Langeweile. In einer Szene wird einem Marine in den Kopf geschossen, er stirbt vor der Kamera. “Ich denke schon, es ist schwer, so etwas zu sehen”, sagte Lagoze “Task & Purpose”. “Aber manchmal ist es eben so, wie es ist.”

Keine Erklärungen, keine Deutungen

Lagoze verweigert die Aufgabe, den “ganzen Scheiß” zu erklären. Oder sich gegen den Krieg zu positionieren. Er will nur zeigen, wie düster und hässlich der Krieg ist. Den Streit mit dem Pentagon gibt Lagoze noch nicht verloren, auch wenn er weiß, dass es die Offiziellen vorziehen würden, wenn der Film nicht weiter gezeigt würde. Der Film sei eine ehrliche Darstellung des Einsatzes in einer abgelegenen Patrouillenbasis, sagt der Träger des Purple Heart. Er betont: “Das ist kein antimilitärischer Film.”

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